Grau in grau

Eine merkwürdige Farbe, die wahrscheinlich gar nicht als „echte“ Farbe gilt. Wenn ich aus dem Fenster schaue, vermittelt sie mir Trostlosigkeit. Ist das nun unser neuer Winter? Kein wunderbar leuchtendes fröhliches Weiß mehr, sondern grau. Und grau. Und immer noch grau? Eine weiße Welt erzählt von lachenden Kinderstimmen, von glitzernden Kristallen, von einer zugedeckten, eingehüllten Ruhe, die keine andere Jahreszeit so friedlich macht. Aber eine graue Welt, die vermeidet jedwede Einordnung. Jede Erzählung. Sie hüllt sich höchstens selbst in tiefes Schweigen und versteckt sich davor, dass man ihr zu nahekommt. Es ist, als wäre eine graue Welt selbst nicht glücklich über ihr Aussehen und ihre Wirkung. Sie wartet. Auf einen Wechsel im Wetter, einen Wandel der Farben. Sie wartet darauf, dass jemand anderes etwas aussagt, das sie selbst nicht auszudrücken vermag. Und mit der grauen Welt warten auch wir. Ein Blick aus dem Fenster genügt bereits. Schon versuchen wir, die wartende Trostlosigkeit wieder zu vergessen und uns mit anderen Dingen von der grau_sigen nichtssagenden Welt dort draußen abzulenken. Am besten mit schwarzem Text auf weißem Papier, das auf dem Bildschirm zu einem… grau… verschwimmt…

Aber die graue Farbe hat es ja auch außerhalb des Wetters nicht leicht. Grau ist immer der Bereich, über den man besser nicht redet. Grau ist das, von dem eigentlich jeder weiß, dass es nicht gut ist. In einer Grauzone tummeln sich ungute Machenschaften, von denen man weiß aber eben auch wieder nicht weiß. Grau statt weiß. Grau statt schwarz. Mitte, aber irgendwie schlecht. Wer weiß.

 

Die graue Eminenz klingt da schon besser, aber was genau mit dieser geheimnisvollen Beschreibung eigentlich beschrieben werden soll, ist mir auch nicht so ganz klar.

Und so richtig merkwürdig wird es, wenn man dann heute Menschen trifft, die sich mutig gegen die geheimnisvolle negative Trostlosigkeit stellen. Menschen, die versuchen, der Farbe Grau einen anderen, positiveren Anstrich zu geben. Grau ist dann auf einmal schick. Und elegant. Modern. Da sind graue Stelen, die einen gestriegelten Garten schmücken. Dort sind graue kantige Kieselsteine, die zwischen grauen Gefängnisgittern hervorlugen und so aussehen, als würden sie dem Garten, den sie doch vor Fremdeinsicht schützen sollen, am Allerliebsten selbst entkommen. Akkurate Gehwege sind grau, Autos sind grau (und weiß und schwarz, andere Farben scheint es ja auf der Welt nicht mehr zu geben) und am besten sind auch noch die Hunde grau, die das fein säuberlich zusammengestellte Ensemble erst komplett machen. Grau, grau, wohin das Auge reicht. Was ist eigentlich aus dem ländlichen Grün geworden? Aus dem blühenden Bunt? Aus den ganzen anderen Farben, die nicht gleich von solch nichtssagender Distanziertheit sprechen, sondern ganze schmuckhafte Erzählungen zum Besten geben könnten? Fürchtet man die wunderbar unvernünftigen Emotionen, die man sich damit ins Leben holen würde? Macht man sich selbst vielleicht weniger verwundbar, wenn man sich in eine Farbe kleidet, die nichts, aber rein gar nichts über einen selbst verrät? Eine Farbe, die anderen Menschen ein Geheimnis ist? War das vielleicht der Grund für die grauen Ritterrüstungen im Mittelalter…? Okay, zu weit hergeholt, ich sehe es ein. Ich würde jetzt gerne behaupten, mir fehle das Verständnis für den Wunsch, seine Umgebung in eine Tarnfarbe zu hüllen, die man doch eigentlich gar nicht mag, wenn man sie beim Blick aus dem Fenster über der Welt hängen sieht. Aber den Wunsch, sich ab und zu vor einer stressiger werdenden Welt zu verstecken, den kann ich sogar irgendwie nachvollziehen.

Und davon abgesehen - vielleicht ist camouflage ja eben doch einfach très chic.

Irgendwie erleichternd zu wissen, dass wir auch vorhaben, in naher Zukunft in diesen Kreis der eleganten aussagelosen Gesellschaft aufzusteigen. Und wir fangen gar nicht erst mit ein paar kleinen Steinchen an, sondern nehmen uns gleich die komplette Hausfassade vor. Wenn schon, denn schon. Bis auf ein paar freundliche weiße Rahmen, die dann um die Holzfenster geplant sind, den Efeu, der quasi die vordere Fassade inklusive der Regenrinne überwuchert und das hölzerne Spalier, das im Innenhof unsere Kiwibeere beim Klettern unterstützt, wird dann auch bei uns alles grau sein. Und wenn man die graue Fassade hinter unserem mit Wein bewachsenen Terrassenspalier, dem Carport und den großen grünen Obstbäumen so richtig trostlos hervorlugen sieht, dann haben wir es endlich auch geschafft, in der akkuraten, eleganten und gezähmten modernen Welt anzukommen.

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